Das Problem reflektiert

Wie können bisher noch nicht involvierte Bürger*innen als neue Zielgruppen für Kunst- und Kulturangebote erreicht werden? Das war die Challenge, der wir uns angenommen haben.

Die Fragestellung kann man auch anders betrachten: Warum können manche Personen bislang noch nicht erreicht werden? Dazu existiert tatsächlich ein eigener Forschungszweig, die sogenannte Nicht-Besucherforschung. Mittels einer Literaturrecherche in diesem Gebiet erarbeiteten wir zuerst, dass dafür v.a. vier Ursachen verantwortlich gemacht werden können (vgl. Tröndle, Martin: Nicht-Besucherforschung, Springer-Verlag, 2019, S. 112ff.):

  1. Eine individuell verschiedene „Kulturneigung“.
  2. Fehlende Begleitung für – intrinsisch durchaus angestrebten – Kulturkonsum.
  3. Fehlende „Trigger“ in Form persönlicher Empfehlungen o.Ä.
  4. Die Nicht-Wahrnehmung von kulturellen Angeboten in 3(!) von 4 Fällen.

Diese Ursachen abwägend, sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass ihnen am besten durch eine integrative Rahmenlösung begegnet werden kann, die es erlaubt, sie gemeinsam zu adressieren – zumal, da sie nicht unabhängig voneinander sind. Im Zentrum steht dabei aus unserer Sicht Problem Nr. 1, die individuell verschiedene Kulturneigung: Jemand, der z.B. kein Interesse an Kunst der Renaissance hat, wird weder selbst Ausstellungen dazu besuchen (Nr. 1), noch andere dazu begleiten (Nr. 2), noch sie anderen empfehlen (Nr. 3), noch solche Angebote i.d.R. überhaupt wahrnehmen (Nr. 4). Nun kann man die individuelle Kulturneigung einer Person – also die Nachfrageseite – wohl kaum ändern. Wir haben uns daher entschieden, dass Problem von der Angebotsseite her zu betrachten. Zwar kann man auch hier kaum voraussetzen, dass die Angebote als solche geändert werden (die Mona Lisa etwa ist und bleibt die Mona Lisa); etwas anderes aber durchaus…

Unsere Lösung

Grundsätzlich wird Kunst & Kultur immer in dem Kontext wahrgenommen, in dem sie präsentiert wird (z.B. Brieber et al.: Art in Time and Space, PLoS One 9:6, 2014). Früher war diese kontextuelle Präsentation für jede Person notwendigerweise dieselbe: Die Mona Lisa hing im Museum, man konnte sie ansehen und die daneben angebrachte Beschreibung des Werks lesen. Wenn sich nun jemand nicht dafür interessierte, würde er/sie das Angebot kaum nutzen.

Durch die Digitalisierung besteht diese Notwendigkeit jedoch nicht mehr – heute kann individuellen Neigungen (d.h. Nachfrageschattierungen) auch mit entsprechend individuellen kontextuellen Präsentationen (d.h. Angebotsschattierungen) begegnet werden: Über Augmented Reality und ähnliche Lösungen können Werke nicht nur – wie es heute zum Teil bereits getan wird – um eine dynamische Komponente ergänzt, sondern diese Komponente kann auch zur Personalisierung genutzt werden, um jeden genau dort abzuholen, wo er/sie abgeholt werden kann; ein paar Beispiele für die Mona Lisa:

  • Musikfans können in Songs hineinhören, die sie thematisieren, und so die visuelle Erfahrung um eine auditive anreichern. Analog können Cineasten Ausschnitte von Spielfilmen und Werbeclips ansehen, in denen die Mona Lisa eine Rolle spielt, und Literaten in Romane hineinlesen, in denen das Gemälde behandelt wird.
  • Geschichtsinteressierte können die verschiedenen Theorien darüber miteinander vergleichen, wen das Modell darstellen könnte, und welche Beziehung da Vinci zu diesen Personen hatte. Außerdem können sie natürlich mehr über da Vincis Leben erfahren.
  • Wissenschaftsorientierte interessiert sicher, wie das mysteriöse Lächeln zustande kommt. Mediziner können sich vielleicht sogar für z.B. die Arbeit von Jan Dequeker begeistern, der die abgebildete Frau auf Krankheiten hin untersucht hat.

Das waren nur einige Beispiele für Museen und ähnliche Einrichtungen. Derselbe Ansatz lässt sich aber auch auf nahezu beliebige andere Kulturangebote übertragen. Er löst das Problem Nr. 1 der individuellen Kulturneigung und beeinflusst auf die o.g. Weise auch die anderen Probleme positiv; so wird z.B. jemand, der sich eigentlich nicht für Kunst interessiert, eher dazu bereit sein, einen anderen zu einer Ausstellung zu begleiten (vgl. Problem Nr. 2), wenn diese andere, für ihn/sie interessante Aspekte bereithält. Ein gutes Beispiel dafür sind Familien: Kinder haben oft keine Lust, ihre Eltern zu scheinbar langweiligen Veranstaltungen zu begleiten, doch kindgerecht aufbereitet wirken deren Inhalte schon viel attraktiver. Um die Probleme Nr. 3 und 4 noch weiter anzugehen, haben wir in unsere Lösung komplementäre, dedizierte Funktionalitäten eingebaut (s.u.).

Umsetzung: Die App Treye

Wie lässt sich unser Lösungsansatz konkret umsetzen? Da er Individualisierung thematisiert, ist für jeden Nutzer ein eigener „Zugang“ nötig – dafür bietet sich das eigene Smartphone an. Zudem finden Kulturveranstaltungen praktisch immer auswärts, d.h. mobil statt. Somit ist klar, dass eine mobile App als Umsetzungsform am ehesten in Frage kommt. Wir haben daher eine solche entwickelt, und ihr den Namen Treye gegeben – ein Wortspiel aus „try“ (denn Nutzer probieren etwas Neues aus) und „eye“ (denn Kunst liegt im Auge des Betrachters, mit unserer Lösung ganz besonders).

Treye bietet für Nutzer, d.h. auf Nachfragerseite, v.a. die folgenden vier Funktionalitäten:

  • Wenn Nutzer an einem (Kultur-)Ort, d.h. in einem Museum o.Ä. sind, können sie dort einen QR-Code scannen, um die App zu aktivieren (Screen 1). Daraufhin werden ihnen in Abhängigkeit ihrer Interessen (s.u.) verschiedene sog. Touren angeboten (z.B. „Rock `n Roll Tour“); dies sind Sammlungen von entsprechenden Werk-Präsentationen (Screens 2a-b).
  • Ihre kulturellen Interessen können sie durch die Auswahl von kategorisierten Tags genau beschreiben (Screen 3). Neben der o.g. Anwendung werden diese Daten auch genutzt, um ihnen geeignete (zukünftige) Events zu empfehlen (vgl. Problem Nr. 3, Screen 2a).
  • Sie können sich auch alle Orte (Veranstaltungsstätten) sowie zukünftige Events in der Umgebung auf einer Karte anzeigen lassen und bei einem Klick darauf Details erfahren (Screens 4a-c); damit treten wir der Nicht-Wahrnehmung von Angeboten (Problem Nr. 4) entgegen.
  • Wenn sie ein Event besucht und darin eine Tour absolviert haben, können sie eine Bewertung dafür abgeben (ohne Screen). Diese Daten werden einerseits zur Ergänzung und zum besseren Verständnis ihrer kulturellen Interessen genutzt, andererseits zur Empfehlung für andere.

Auf der Angebotsseite, d.h. für Veranstalter, bietet Treye die Möglichkeit, die Präsentation der Werke sehr einfach zu personalisieren. Dazu wird zunächst jedes Event (z.B. Ausstellung) in beliebige Teile zerlegt (z.B. einzelne Gemälde). Jedem Teil können dann mehrere Labels (für die Definition der Touren, z.B. „musikalisch“) und darunter beliebige Inhalte (z.B. Zusatzinformationen und Songmitschnitte) zugeordnet werden. Dieses Prinzip setzt gänzlich auf bereits vorhandener Technik auf und kann unabhängig vom konkreten Anwendungsfeld und ohne spezielle Kenntnisse eingesetzt werden.

Wir haben Treye in der Programmiersprache TypeScript und mit den Frameworks Ionic und Angular gebaut; mit diesen waren wir nicht nur bereits vertraut, sondern sie bieten auch den Vorteil, dass sich derselbe Code sowohl für Android als auch für iOS (und zudem sogar als Web App) nutzen lässt.

Bei der aktuellen Version von Treye handelt es sich naturgemäß noch um einen Prototypen, bei dem nicht jede Funktion in Perfektion vorhanden ist. Jedoch zeigt dieser bereits die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben.

Perspektiven

Wie beschrieben, kann im Prinzip jede Kulturstätte Treye einsetzen, um ihre Veranstaltungen für mehr Besucher attraktiv zu machen. Durch die erweiterten, aufbereiteten Daten pro Veranstaltung(steil) wird als Nebeneffekt so auch die Kulturlandschaft insgesamt bereichert.

Damit das aber auch praktisch passiert, müssen zunächst Anbieter überzeugt werden, personalisierte Kunst-Präsentationen via Treye anzubieten, da sich sonst kaum Nutzer dafür finden würden. Das deutet ein gewisses Henne-Ei-Problem an, da Anbieter den Mehraufwand scheuen könnten, wenn es noch nicht genügend Nutzer gibt. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, dass dieser Mehraufwand, der sich außerdem in Grenzen hält, nur eine einmalige Zeitinvestition darstellt, die sich dann für jeden einzelnen Nutzer (auch spätere) immer wieder neu auszahlt. Zusätzlich ergeben sich Netzwerkeffekte dadurch, dass Nutzer Treye vielleicht für ein bestimmtes Event installieren, dann aber auch für andere Events und Veranstaltungsorte verwenden können. Daher ist der sinnvollste nächste Schritt der, an die am besten für Treye geeigneten Anbieter heranzutreten.

Drei Mitglieder unseres Teams arbeiten in einem Freizeit-Startup; dies war für sie auch der Grund, an dem Hackathon teilzunehmen und die gegebene Challenge zu wählen, da die App, die sie eigentlich betreiben, ebenfalls von einer Lösung dazu profitieren würde (es existierten, dies sei klargestellt, aber keine Vorarbeiten dazu o.Ä., da es sich dafür nur um einen „Nebenkriegsschauplatz“ handelt). Nachdem Treye nun realisiert ist, ist es gut möglich, dass das Konzept – natürlich mit Zustimmung der anderen zwei Teammitglieder – zukünftig in die Haupt-App integriert wird; so lassen sich auch Synergieeffekte nutzen, insb. mit der bereits bestehenden Nutzer- und Anbieterbasis.

Aus dem Nähkästchen

Zuletzt möchten wir noch kurz beschreiben, was wir gelernt haben bzw. auf welche unerwarteten Probleme wir gestoßen sind.

Der erste Faktor dabei war die Auswahl der am besten geeigneten Idee zur Lösung der Challenge, denn tatsächlich hatten wir insgesamt drei vergleichbar gute. Den Ausschlag für Treye gab dann schließlich die – angedachte – Realisierbarkeit in der kurzen Zeit des Hackathons.

Diese wurde, das war das zweite Learning, ganz getreu der üblichen „Planning Fallacy“ von Programmierern, aber trotzdem überschätzt: Auf dem Weg mussten wir uns leider von ein, zwei weiteren geplanten Funktionen verabschieden, da diese nicht mehr umsetzbar gewesen wären. Natürlich bedeutet das aber nicht, dass diese nicht noch nachgeholt werden können.

Insgesamt war es damit für uns ein erfolgreicher und erkenntnisbringender, wenn auch ziemlich anstrengender Hackathon, und wir sind ziemlich stolz auf unser Ergebnis!

Share this project:

Updates