Inspiration

Aufgrund des vorhersehbaren Wegfallens zahlreicher routinebasierter Berufstätigkeiten in der Folge von Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung müssen sich Menschen beruflich auf Kompetenzen orientieren, die sie von Maschinen unterscheiden. Diese sind authentische Kreativität im Sinne der Fähigkeit zur Lösung neuer und damit divergenter Probleme, die nicht algorithmisch modellierbar sondern nur heuristisch zu explorieren sind, auf Empathie und interkulturellem Verständnis beruhende Kommunikation, flexibler Kollaboration und der ausgeprägten Fähigkeit zu kritischem Denken. Insbesondere Kreativität ist jedoch nicht taktbar, zumal in 45‘-Rhythmus, und lässt sich nicht in ein strenges Zeitplankorsett zwängen. Auf organisatorischer Ebene musss es daher an Schulen in der Tat disruptive Momente geben und müssen Elemente und Methoden agiler Organisation und Arbeitsformen einbezogen werden. Abgesehen von diesem Rahmen benötigt kreativitätsförderliches Lernen weitere Freiheiten. So vermögen Klausurformate sowie punktuelle, auf individuelle Reproduktion angelegte mündliche Prüfungsformate keine validen und daher nurmehr lebensweltlich irrelevante Indikatoren für Lebens-/Berufserfolg. Es bedarf hier (radikaler) Neudefinition von relevanten Leistungsnachweisen als valide und reliable Belege der vertieften Allgemeinbildung und Studierfähigkeit.

What it does

Die hier entwickelte Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe soll v.a. Kreativität, aber auch Kollaboration und Kommunikation als Schlüsselqualifikationen des 21.Jahrhunderts fördern. Dabei werden neben fachlichen besonders überfachliche Kompetenzen und soft skills gefördert und das Lernen und Arbeiten in hybriden Umgebungen und Settings. Wesentlich für erfolgreiche, tiefgreifende (akkomodierende) und nachhaltige Lernprozesse ist zudem intrinsische Motivation, also die Erfahrung der Sinnhaftigkeit und daraus resultierende Identifikation mit dem eigenen Tun und Lernhandeln. All dies führt zur Erfahrung der Selbstwirksamkeit, welche als wesentliche Grundlage für lebenslanges Lernen gesehen werden muss. Der vorgelegte Ansatz definiert schulische Bildung als dezidiert ressourcenorientiert und auf Potenzialsteigerung angelegt, damit junge Menschen befähigt (enable, empower) werden, die komplexen und vielfältigen Herausforderungen des Lebens in der VUCA-Welt zu meistern. Das Konzept besteht aus zwei großen, sich ergänzenden und aufeinander bezogenen Komplexen. Zum einen sollen Schüler_innen längerfristige selbstgewählte Projekte bearbeiten. Diese sollen explizit lebensweltlich relevant und authentisch handelnd sein und daher auch an nichtschulischen Orten realisiert werden können. Zudem können Projekte sowohl individuell wie kollektiv-kollaborativ gestaltet werden. Bezogen auf Schule als zentralen Lernort handelt es sich hier also um die Verschränkung von präsenziellem und nichtpräsenziellem Lernen. Neben der Tätigkeit an sich mit den vielfältigen fachlichen und überfachlichen Aspekten spielt dabei die Prozesshaftigkeit eine entscheidende Rolle. Das gesamte Lernprojekt wird von den Schüler_innen nach vereinbarten Kriterien in einem Projektportfolio dokumentiert und begleitend wie abschließend reflektiert. Zugleich erhalten sie formatives Feedback und können mit Kommilitonen Arbeitsstände und -probleme in Kolloquien besprechen. All diese Elemente sowie eine finale (öffentliche) Präsentation oder Verteidigung und/oder Publikation des Projekt sind Gegenstand der summativen Bewertung, die jedoch kriteriengeleitet als Matrix und als Worturteil erfolgt, nicht als Zahlenwert in Notenform. Damit ist eine umfangreiche, valide, reliable und objektive Abbildung der erworbenen Kompetenzen sowie der fachlichen und persönlichen Qualitäten der Schüler_innen möglich. Daneben garantiert der vorliegende Ansatz eine hinreichend breite Allgemeinbildung mit einem soliden Fundament aus essenziellem deklarativen Fachwissen in verschiedenen akademischen Bereichen und Disziplinen, die auch in ihrer jeweiligen Fachlichkeit abgebildet werden, denn begleitet, flankiert und ergänzt wird der explorative Anteil der Oberstufenbildung durch obligatorisch zu belegende aber variabel sequenzierbare Module in den unterschiedlichen Fachbereichen. Die Variabiltät soll ermöglichen, dass diese Module auch als Scaffolding-Angebot im Bezug auf die Lernprojekte der Schüler_innen genutzt werden können. So können z.B. Module zu Stochastik und Statistik belegt werden, wenn diese Kenntnisse und Kompetenzen durch das eigene Projekt gefordert sind. Um diese Variabilität zu ermögilchen, müssen derartige Module ebenfalls als hybride Angebote im Flipped-Classroom Design erbracht werden, wobei hier auch ein präsenzielles Angebot i.S. eines Tutoriums/Repetitoriums mit Bedarfscharakter vorstellbar ist. Zur Absicherung der Qualität und des Lernerfolgs werden diese Module mit einem Prüfungsformat bewährt, bei dem ausschließlich das Bestehen ohne weitere Abstufung erforderlich ist. Zudem sollten diese Prüfungen wiederholbar sein, denn um Selbstwirksamkeit zu erfahren und kreativ sein zu können, müssen Lernende vom Druck permanenter kleinteiliger Leistungsnachweise mit dem Potenzial, die Bildungskarriere negativ zu beeinflussen, befreit werden. Dieser Ansatz würde die 4K mehrfach implementieren, sowohl in den einzelnen Projekten als auch auf der Ebene des Prozesses, sodass Schüler_innen intensivst diese Fähigkeiten verinnerlichen könnten und nach Bewältigen dieser Entwicklungsaufgabe vorhersagbar gut auf die Anforderungen des Lebens vorbereitet wären. Für Schülen würde diese Form der Organisation eine regelrechte Disruption tradierter Arbeitweisen bedeuten. Insbesondere würde sich die Rolle der Lehrer_innen wandeln hin zu Koordinator, Methoden-Coach, Potenzialberater, Kurator (von Inhalten, Medien, Support & Scaffolding), und Vermittler/Netzwerker, was eine massive Professionalisierung des Berufes bedeutete. Schulen (vorerst zumindest im Sekundarbereich II) würden zu Lernorganisations- und -strukturierungshubs. Räume würden als hybride Lern- und Arbeitsräume für flexible Nutzungen verwendet, das Zeitregime würde flexibler (aber auch komplexer), und Schulen bedürften einer soliden technologisch-infrastrukturellen Ausstattung sowie eines soliden Lizenzmanagements für eine Vielzahl von digitalen Anwendungen aller Art.

How we built it

Ausgangspunkt war eine kurze informelle Befragung von Schüler_innen unseres Gymnasiums durch die beteiligten Schüler. Die dabei geäußerten Forderungen für authentisch kreative Lernprozesse entsprachen wesentlich Annahmen reformpädagogischer Ansätze und Entwicklungen, wie sie derzeit bundesweit zu beobachten sind, z.B. an der mit dem Deutschen Schulpreis 2019 geehrten Alemannenschule in Wutösching. Ebenso spiegelten sich hier die Erkenntnisse zu Lernwirksamkeitsfaktoren aus der Metastudie von Hattie, sodass die Relevanz und Brisanz dieser Schülerintuition zwingend erschien, den Projektkern zu bilden. Darüber hinaus gibt es in Sachsen seit längerem Elemente autonomen Lernens, wie die komplexen Lernleistungen in Klassenstufe 10 bzw. 11, welche zu einer prüfungswerten „Besonderen Lernleistung“ ausgebaut werden können. Darüber hinaus wird seit diesem Schuljahr 2019/2020 aufgrund des akuten Personalmangels in den 9. Und 10.Klassen jeweils eine bzw. zwei Stunden „Selbstorganisiertes Lernen“ ausgewiesen, das nicht näher pädagogisch definiert und untersetzt ist. Schließlich gibt es ab Klassenstufe 8 den Profilunterricht mit fächerübergreifenden Konzeptionen, welche die Schulen – aus dem nämlichen administrativen Grund – seit dem laufenden Schuljahr auch sehr frei und selbstbestimmt gestalten dürfen. Es lag für uns also nahe, dass latent eine Bereitschaft gegeben sein könnte, derartige offene Formen zu wagen.

Da alle Beteiligten während der ganzen Woche im Präsenzunterricht tätig waren, die beiden Lehrer_innen zudem noch parallele Distanzlernangebote betreuen mussten, waren die Teammitglieder zeitlich wenig flexibel, sodass wir uns entschieden, ohne Coach und Experten zu arbeiten, da sich für uns der Aufwand der Sichtung und der Terminorganisation als unverhältnismäßig darstellte. In kurzen täglichen Treffen von ca. 1h Dauer sowie kurzen Kommunikationen via Slack, Messenger, und Schul-E-Mail, entwickelten wir aus unterschiedlichen bereits bestehenden Ansätzen ein Rohkonzept, das dann sukzessive ausgebaut wurde. Dabei flossen die Impulse, Erkenntnisse und Erfahrungen zahlreicher Autoren, Studien, Veranstaltungen, sowie verschiedentlich publizistisch tätiger Lehrer_innen ein. Das Projekt erhebt daher in keiner Weise den Anspruch eines originären Produktes, sondern stellt sich vielmehr als logische und notwendige, kohärente Zusammenführung verschiedener Elemente dar. Er vermag nach Überzeugung der Teammitglieder den Nachweis zu erbringen, dass sich Schule als Bildungsinstitution keineswegs in einem „palliativen“ Endstadium befindet.

Challenges we ran into

Die Zeitknappheit hat sich als das wesentliche Problem bei der Bewältigung der gestellten Aufgabe erwiesen. Darüber hinaus war das Angebot aus möglichen Themen aber v.a. an Coaches, Experten und Paten für uns unübersichtlich. Wir haben letztlich den Eindruck, dass sich der Hackathon weniger an Personen aus dem Bildungsbereich richtete als an Firmen und Anbieter von technologischen Lösungen oder (Beratungs- und Trainings-)Dienstleistungen, die die Woche als Investition in ihr Geschäft komplett nutzen konnten. Auch die technologischen Hürden waren aufgrund der Vielzahl von Anwendungen recht hoch.

Accomplishments that we're proud of

Wir haben es trotz der Umstände geschafft, ein Konzept zu erarbeiten und zu präsentieren, das wir selber für erstrebenswert halten, wobei sich Schüler und Lehrer_in einig sind.

What's next for Projektprojekt

Die Umsetzung hängt wesentlich von einem politischen Willen ab. Pilotprojekte könnten hier jedoch sicher schon recht zeitnah erste Ansätze erproben. Wir hoffen, dass wir künftig an unserer Schule die Freiheiten im Lehrplan in dieser Richtung nutzen können.

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