Isolation durch Distanz
Die Corona-Krise führt dazu, dass Menschen sich isolieren, was auch social distancing genannt wird. Held:innen leisten komischerweise den gesamtgesellschaftlich wichtigsten Beitrag im Kampf gegen das Coronavirus, wenn sie alleine zu Hause sind. Durch die Krise fallen die sozialen Interaktionen mit Freund:innen und Therapeut:innen vermehrt weg, die uns im Alltag sonst Stabilität geben.
Menschen ohne psychische Beschwerden kämpfen auf einmal mit neuen Herausforderungen wie Angst oder Einsamkeit. Insbesondere Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen sind nun aufgrund der Isolation und Unsicherheit noch weiter strapaziert - in Deutschland leiden allein etwa 4 Millionen Menschen an Depressionen (https://www.who.int/publications-detail/depression-global-health-estimates).
Kurzfristig sorgt das für individuelle Krisen. Mittel- und langfristig strapaziert es unser Gesundheitssystem noch weiter, das durch die Corona-Krise ohnehin schon überlastet ist. Seit Jahren schon herrscht in Deutschland Psychotherapeut:innen-Mangel, Betroffene warten laut Focus im Durchschnitt rund 20 Wochen auf einen Termin.
Dabei ging es bei social distancing doch nie um soziale, sondern um räumliche Distanz. Durch die Isolation soll “nur” die zwischenmenschliche Ansteckung vermieden werden - und nicht die soziale Interaktion.
Gemeinsam statt Einsam - Community Coping
Wir bauen eine Plattform, die online soziale Nähe schafft und die individuelle psychologische Erstbetreuung auf digitalem Weg abdeckt. Somit ermöglichen wir bei Betroffen ein Gefühl der gesellschaftlichen Zusammengehörigkeit und entlasten gleichzeitig das analoge Gesundheitssystem.
Dafür haben wir unseren Chatbot Coco - kurz für Community Coping - programmiert, der als eine erste psychologische Orientierungshilfe dient. Wir sprechen gezielt alle Menschen an, unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft und psychischen Vorbelastungen und möchten die Plattform möglichst inklusiv zugänglich machen.
Basierend auf anerkannten diagnostischen Fragen reagiert unser Chatbot mit verschiedenen Vorschlägen:
- Coco ermutigt, Neues auszuprobieren.
- Coco stellt Kontakte zu hilfsbereiten Menschen her.
- Coco verbindet Risikonutzer:innen mit ärztlichen und psychologischen Dienstleistern.
How we built Coco: Psych x Design x Tech
Von AI zum Chatbot: Unsere ursprüngliche Idee war, künstliche Intelligenz (AI) einzusetzen, um der Isolation mit psychologischer Unterstützung zu begegnen. Wir haben uns in vier Expertenteams mit verschiedenen Aufgabenfeldern untergliedert (Produkt, Psychologie, Design, Technologie) und in regelmäßigen gemeinsamen Slack-Calls eine Gesamtidee entwickelt und den Fortschritt in einem Google Doc dokumentiert. Im Rahmen des Entwicklungsprozesses haben wir öfter auf das Feedback von Mentor:innen zurückgegriffen - an dieser Stelle großen Dank an Jörn Siedentopp, Daniel Carton und Norbert Gocht.
Wir haben vor allem zu Beginn viel darüber diskutiert, wie unser Produkt sich vom bestehenden (App-)Markt abgrenzen lässt: Selfapy ist ein medizinisches Produkt, auf der nur die Betreuung durch psychologisches Fachpersonal vermittelt wird. Moodpath und Woebot (https://woebot.io) dokumentieren zwar das aktuelle Befinden, vermitteln aber keine Kontakte. Der WHO-Facebook Chatbot (https://www.t-online.de/digital/id_87566058/whatsapp-who-chatbot-beantwortet-ab-jetzt-fragen-zum-coronavirus.html) ist bis jetzt nur auf Englisch verfügbar. Unsere Idee setzt an dieser Schnittstelle (Mood-Tracking und Community-Ansatz/ Kontaktvermittlung) an und bringt weiterhin eine präventive Komponente ein. Das Konzept ist während des Hackathons ausgereift und hat sich bis zuletzt noch weiterentwickelt.
Psychologie: Kontakt und Ablenkung als beste Mittel gegen Isolation
Der Hawthorne Effekt ist das beste Beispiel, dass das Wohlbefinden und die Effektivität von Menschen allein durch pure Aufmerksamkeit positiv beeinflusst werden kann. Coco soll Menschen in Isolation Aufmerksamkeit schenken, indem es sie auffängt und den momentanen pain point herausfindet, um sie dann geschickt mit Anderen in Verbindung zu bringen (Matching) und/oder mit interessanten Inhalten zu beschäftigen (Distraction).
Die Zielgruppe sind Anwender:innen, die Gesprächsbedarf haben oder Ablenkung suchen. Therapiebedürftige mit z.B. einer klinischen Depression oder Angststörung, erhalten die Empfehlung für eine Therapie-Seite (z.B. Selfapy), um ihrem Bedarf gerecht zu werden. Die Empfehlungen von coco basieren auf Triggerpunkten, die im Chat abgefragt werden (siehe Bildern zu Entscheidungsbaum in der Galerie).
Der Entscheidungsbaum beschreibt das deterministische Protokoll, dem die Kommunikation zwischen Coco und den Anwender:innen folgt, und umfasst anerkannte diagnostische Fragen, Auswahloptionen und möglichen Antworten (“Wie geht es Dir?” → “Gut/Schlecht”). Ziel ist es, Anwender:innen zu führen und Hilfsangebote bereitzustellen.
Coco hat ein freundschaftliches, zuversichtliches und ein wenig naiv-fragendes Gemüt. Dies dient dazu, Vertrauen zu schaffen und dem Gefühl entgegenzuwirken, ärztlich begutachtet zu werden. Diese Personifizierung haben wir gewählt, um den Charakter möglichst ansprechend und unterstützend für die Benutzer:innen der Plattform zu gestalten.
Design: Coco als freundschaftliche Kokosnuss
Ein ansprechendes Design für Coco war uns von Anfang an wichtig. Die Zielgruppe soll sich bei dessen Verwendung angesprochen, wohl und unterstützt fühlen – jederzeit. Im Rahmen des Design Teams haben wir es uns zur Aufgabe gemacht erste Schritte in folgenden Bereichen zu gehen:
- Corporate und Brand Design
- Charakterentwicklung eines Maskottchens namens Coco
- Visualisierung der Herausforderung, der das Produkt mit Hilfe von Coco begegnet
- Screendesign eines Chatbots, der persönliche Gespräche mit Mitmenschen sowie Expert:innen vermittelt
- Visualisierung eines Prototyps für das Video (Motion Design)
Der Konzeptions- und Umsetzungsprozess verlief parallel zur Arbeit der anderen Subteams und baut auf den Wünschen und Vorstellungen des gesamten Teams auf. Eine wirklich sehr schöne Erfahrung, so nah mit seinen Mitmenschen und Expert:innen aus anderen Bereichen zusammen gestalten zu dürfen. So sollte es immer sein!
Technik: Chatbot Coco, unterstützt durch eine Plattform
Die zwei Hauptprodukte des Projektes umfassen den Chatbot Coco, sowie eine Plattform, die Menschen miteinander verbindet.
Der Chatbot soll regelmäßig Kontakt mit Personen aufnehmen, die sich im System angemeldet (bzw. den Chatbot abonniert / die App installiert) haben.
Das Backend bzw. das “Protokoll” des Chatbots basiert dabei auf dem Entscheidungsbaum, der mittels psychologischen Konzepten entwickelt wurde.
Im Bereich Frontend bzw. dem eigentlichen Kommunikationsmittel bieten sich viele Möglichkeiten. Zum einen können herkömmliche Nachrichten-Applikationen, wie WhatsApp, Facebook Messenger, Telegram etc. herangezogen werden. Zum anderen könnte zusätzlich auch eine eigene (Web-)App entwickelt werden, bei der gezielt das Design des Charakters Coco eingebracht werden kann. So kann der Chatbot durch eine Push Benachrichtigung Kontakt mit der Person aufnehmen. Dann ist die Hauptaufgabe des Chatbots festzustellen, welche der drei Lösungen für die Person die geeignete ist: Vorschläge für Aktivitäten, Kontaktherstellung mit einer anderen Person oder Weiterleitung zu professioneller Hilfe.
Unser System soll dabei vor allem den Kontakt zu anderen Personen vermitteln. Aus diesem Grund möchten wir ein Plattform erstellen, die es ermöglicht, sowohl ein kleines Userprofil anzulegen, als auch mit einer anderen Person zu chatten oder zu telefonieren. Ein Userprofil kann entweder mit Hilfe des Chatbots oder durch direktes Registrieren auf der Plattform erstellt werden. So gesehen kann der Chatbot als eine Art einfach zu bedienendes, flexibles Interface betrachtet werden, mit dem man Zugang zu einem weiteren User-Profil bzw. zu einem Gespräch bekommt. Im ersten Schritt halten wir es für sinnvoll, einen deterministischen bzw. regel-basierten Bot zu bauen. Auf lange Sicht gesehen können aber auch Natural Language Processing Systeme, wie Dialog Flow von Google, zum Einsatz kommen.
Erste Machbarkeitsstudie: Telegram Bot @C0c0_Bot
Um ein Beispiel für das oben beschrieben Konzept bzw. eine erste Implementierung zu bieten haben wir einen einfachen Telegram Bot implementiert, der bis jetzt nur ein minimales Set an Funktionen beinhaltet. Wir haben ein kleines regelbasiertes Framework für den Bot gebaut, durch das man sich mit Multiple Choice Antworten klicken kann. Zusätzlich gibt es auch eine Datenbank, die die Nutzer des Bots registriert. Der Code ist auf GitHub zu finden (Links siehe unten).
Die Herausforderung, in kurzer Zeit ein Produkt zu entwickeln
Vor allem die Produktentwicklung in Zusammenhang mit der technologischen Implementierung hat für uns eine Herausforderung dargestellt.
- Einerseits soll unser Produkt für eine große Zielgruppe möglichst leicht zugänglich sein. Gleichzeitig wollten wir kurzfristig etwas auf die Beine stellen. Hier mussten wir stark priorisieren, welche Funktionalität wir technologisch zuerst umsetzen und welche Tools wir dafür benutzen. Wir hatten zum Beispiel die Schwierigkeit, dass ein Telegram Chatbot nicht einfach einen Chat öffnen kann, um zwei Benutzer:innen zu verlinken - daher sind wir auf eine ergänzende Plattform angewiesen, welche die Kontaktvermittlungs-Funktionalität umsetzt. Bei einer weiteren Umsetzung des Produkts sollten wir uns noch einmal detailliert Gedanken über die grundlegende Architektur machen. Dank der Unterstützung der Mentor:innen konnten wir die technologische Umsetzbarkeit in einem ersten Schritt überprüfen und umsetzen.
- Bei der technologischen Implementierung spielen in unserem Fall auch ethische und rechtliche Fragen im Bereich Datenschutz eine Rolle. Als nächsten Schritt wären wir hier auf DSGVO Expertise angewiesen.
- Des Weiteren stellt der Zugang für technologisch isolierte Menschen eine Herausforderung dar, was vor allem ältere Bevölkerungsgruppen betrifft. Diese wären wohl am einfachsten über eine (Video-)Telefonie-Lösung zu erreichen.
- Trotzdem glauben wir, dass ein Chatbot ein sehr breites Publikum ansprechen kann, da dieser auf Medien zurückgreift, die schon hohe Nutzerzahlen haben. Weiterhin könnten wir Helfer:innen einbinden, die als Multiplikator:innen technologische Isolierte auf die Plattform zu bringen.
- Obwohl unser Team wirklich divers ist, haben wir keine Mitglieder mit signifikanter App-Entwicklungs- oder Chatbot-Erfahrung. Im weiteren Verlauf des Projekts wären wir hier auf Unterstützung angewiesen, wie unser Produkt am besten technologisch implementiert werden könnte. An dieser Stelle wäre es vor allem auch sinnvoll, gezielt auf Expertise im Chatbot-Bereich zurückzugreifen.
Erfolgreiche Entwicklung eines umfangreichen Konzept für den Umgang mit Isolation
Unser Prototyp setzt sich aus den folgenden Teilen zusammen:
- einem psychologischer Entscheidungsbaum bzw. “Protokoll” für unseren Chatbot
- ein Design Konzept für die technische Umsetzung und den Charakter Coco
- einer technische Machbarkeitsstudie in Form eines Telegram Chatbots
- ein Video, das wir fristgerecht eingereicht haben :-)
Wir sind stolz, dass wir positives Feedback von Bekannten mit fachlicher Qualifikation und einigen Mentor:innen erhalten haben!
Außerdem hat uns der Zusammenschluss zu einem gut funktionierenden interdisziplinären Team, welches mit Zuverlässigkeit und hoher Motivation gut organisiert den Fortschritt des Projekts garantiert hat, einfach nur geflasht <3
- der interdisziplinäre Austausch
- die vertrauensvolle und effektive Zusammenarbeit und Unterstützung
- die zuverlässige Anwesenheit der kompletten Teammitglieder von Samstagmorgen bis Sonntagabend
- der gezielte Einsatz unserer kommunikativen Fähigkeiten
Vor allem haben wir gelernt, digital mit Fremden zusammenzuarbeiten
Dabei waren für uns vor allem folgende Punkte lehrreich:
- Die Abhängigkeiten im Prozess sind besonders deutlich geworden: die Produktentwicklung und technologische Implementierung müssen sich eng abstimmen, um festzustellen, was in kurzer Zeit umsetzbar ist. Der Bereich Animation/Motion Design kann erst sinnvoll arbeiten, wenn die Produktentwicklung vorangeschritten ist. In der Zukunft wäre hier eine Design-Datenbank sinnvoll, die modular, schnell und zielgerichtet angewendet werden kann
- Wir haben interdisziplinäre Kommunikation in einem breit gefächerten, zufällig zusammengewürfelten Team gelernt, indem wir einen Einblick in das Vokabular und die Denkweise der verschiedenen Fachrichtungen bekommen haben
- Eine lockere Variante des agilen Projektmanagements hat für uns gewinnbringende Strukturen geschaffen. Effiziente Nutzung von Online-Tools, insbesondere Slack, Figma, Zoom, Google Docs
- Wir haben Hoffnung beibehalten: Auch in schweren Zeiten können wir konstruktiv und kreativ sein!
- Einblick in viele interessante Technologien und Projekte aus verschiedensten Gebieten durch den Austausch und die Recherche: Psychotherapie, App-Entwicklung, Grafikdesign etc.
- Durch das Einbinden von den Mentoren haben wir den Mehrwert von Fachwissen noch einmal besser erkannt und gezielte Fortschritte in unserem Projekt erreichen können
Weiterentwicklung des Konzepts (auch post-Corona)
Wir sind motiviert, unser Konzept auch über Corona hinaus weiterzuentwickeln, sodass der Chatbot auf lange Sicht hinweg Einsamkeit in der Gesellschaft bekämpfen kann.
Dazu möchten wir den Matching-Prozess genauer definieren - hier sehen wir verschiedene Optionen:
- gezieltes Zusammenbringen von Personen mit verschieden Charakeristika (z.B. “gut gelaunte” und “schlecht gelaunte” Personen, oder Personen mit fachlichen Vorerfahrungen mit Hilfsbedürftigen)
- Matching von gleichgesinnten Personen (allen Einsamen, Kranken, Ängstlichen, etc.)
- Matching mit einer einzelnen Person oder mit mehreren Personen in einem Chat
- Bereitstellung von Unterstützungsmaterial zur Bewältigung der Isolation für Nutzer:innen (Leitfaden zum gegenseitigen Befragen)
Wir möchten unsere technische Lösung besser ausarbeiten.. Das umfasst die folgenden Punkte:
- Die Bereitstellung einer eigenen Chatplattform, entweder durch eigenes Entwickeln oder durch gezieltes Einsetzen von Drittanbieter-Tools, welche das Chatten oder (Video-)Telefonieren ermöglicht
- Die Einsetzung von Coco als Moderator der Chat-Plattform
- Das Schaffen einer DSGVO-konformen Datenbank für Nutzerverwaltung
- Die Implementierung des vollständigen “Protokolls”/Backends des Chatbots
- Die Einbindung verschiedener beliebter Chatplattformen an den Chatbot: WhatsApp, Facebook etc., vielleicht sogar eine Variante als herkömmliche Telefon Hotline
- Die Entwicklung einer eigenen Chatbot (Web-)App, um z.B. Multiple Choice Antworten in Form von Buttons zu ermöglichen
- Die Entwicklung eines flexibleren Chatbots mit Hilfe von Natural Language Processing Tools wie z.B. Google Dialogflow
Wir möchten Kooperation und Synergien mit anderen Projekten sinnvoll nutzen:
- Einbindung von den vielen tollen online-Angeboten von Künstler:innen, Lehrkräften etc. für das Vorschlagen für Tätigkeiten
- Gezieltes Ansprechen von Nachbarschafts-Plattformen, z.B. www.neban.de
- Kooperation mit online-Psychotherapie-Projekten, z.B. Selfapy, und Verbänden für Psychotherapeuten
- Zusammenführung von Projektideen im Rahmen dieses Hackathons
Danke
- an das Team des #WirvsVirus Hackathons, die dieses inspirierende Format für uns geschaffen und uns trotz social distancing zusammengebracht haben! Es war wirklich G E I L <3
- an alle Coco-Teammitglieder, die so motiviert dieses Ding gerockt haben
- an unsere Mentor:innen, die uns wirklich weitergebracht haben
- an alle Held:innen da draußen, die täglich im Kampf gegen das Virus und psychische Krankheiten einstehen





Log in or sign up for Devpost to join the conversation.